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13.12.2011

SZ vom 13.12.11

Der schwierige Bruder

In ihrer Heimat hat sie sich auf die Straße getraut, zum Demonstrieren gegen den Präsidenten. Doch als ihre Kommilitonen verhaftet wurden, ist Gannet A. geflohen.



„Viele wurden gefoltert. Andere haben wir nie wiedergesehen“, erzählt die Frau, die aus Äthiopien stammt. Ein Schlepper brachte sie nach Deutschland. 5000 Euro musste sie bezahlen, Geld, das sie sich in Deutschland mühsam erarbeiten musste. Heute ist sie schuldenfrei – aber nicht frei von Sorgen.
Einen Sohn und eine Tochter hat die alleinerziehende Mutter. Die Tochter ist fünf, der Sohn vier. „Eigentlich wäre das optimal, dass die Kinder miteinander spielen“, sagt Gannet A. Doch ihre Tochter fürchtet sich vor dem jüngeren Bruder, will manchmal vom Kindergarten nicht nach Hause kommen. Denn Amare, ihr Bruder, ist verhaltensauffällig. Er kann mit seinen vier Jahren noch nicht sprechen, wie viel er versteht, wissen selbst die Ärzte nicht. „Wir haben keine Diagnose“, sagt die Mutter, keiner habe bislang herausfinden können, was Amare fehlt. Nun hofft sie, dass eine Kernspintomographie Aufschluss gibt.
Sehr belastend für die Familie ist, dass sie mit zwei Zimmern zurechtkommen muss. Die Kinder teilen sich ein Zimmer, doch sie „streiten viel“, sagt die Mutter. Manchmal schlägt Amare seine ältere Schwester Senait auch – und die hat kaum Platz, auszuweichen. „Sie kommt leider immer zu kurz“, sagt Gannet A., „meine Aufmerksamkeit ist immer bei ihm.“ Die Verhaltensauffälligkeit des Sohnes macht es für die Mutter fast unmöglich, einmal allein mit der Tochter etwas zu unternehmen. Senait würde gern in eine Tanzschule für Kinder gehen, sie hatte dort schon ein paar Stunden und liebt ihren rosa Tüllrock. Doch die Mutter musste sie wieder abmelden. Der Weg dorthin war ihr zu gefährlich. Amare lässt sich nicht an die Hand nehmen, er reißt sich los, springt auf die Straße oder läuft davon. „Er hört einfach nicht, wenn ich ihn rufe“, erzählt Gannet A. In der Unterkunft aber möchte die Mutter ihn keiner Nachbarin anvertrauen. „Die haben selbst alle Probleme.“ Geholfen wäre der Familie, wenn ab und an ein Babysitter kommen könnte. Dafür bräuchte Gannet A. aber einen geschulten Helfer, der mit ihrem Sohn zurechtkommt – und die kosten rund 15 Euro pro Stunde.

(SZ vom 13.12.11)