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26.11.2011

SZ vom 26.11.11

Wenn Eltern überfordert sind

Putzbrunn – Es ist ein bisschen wie in einer Tagesstätte. Um kurz vor halb zwölf sitzen die sieben Kinder der Igelgruppe um ihren kleinen Esstisch, geben sich die Hände zu einem Guten-Appetit-Wunsch und dann gibt’s Nudeln mit Tomatensoße. Die Kleinste, das sechs Monate alte Baby, sitzt auf dem Schoß einer der Pädagoginnen. Die Besucher, die kurz reinschauen, werden neugierig gemustert, dann konzentrieren sich die Kinder wieder auf ihr Essen.



Die Igel-Gruppe in diesem freundlichen Raum im Erdgeschoss vor dem großen Fenster, das auf den weiten Garten mit Spielgeräten zeigt, ist jedoch keine Kindertagesstätte, sondern viel mehr. Sie ist Zuhause, Zuflucht und große Chance für ihre kleinen Bewohner und Bewohnerinnen. Es ist eine der therapeutischen Wohngruppen im Salberghaus Putzbrunn.
Eine Notaufnahmegruppe und acht therapeutische Wohngruppen für kleine Kinder mit insgesamt 80 Bewohnern beherbergt das Salberghaus. Unter diesem Namen gibt es allerdings auch wirklich Kindertagesstätten: eine heilpädagogische Tagesstätte, Kindergärten und Kinderkrippen, in die weitere 260 Kinder gehen, für die alles im Leben normal läuft. Deren Eltern in der Nähe von Putzbrunn leben und sie dort unterbringen. Bei den Wohngruppenkindern sieht es etwas anders aus. Für sie lief es in ihrem kurzen Leben alles andere als normal, sonst wären sie nicht hier gelandet. 213 sogenannte Kindeswohlgefährdungen, 162 Meldungen zu häuslicher Gewalt und 47 Inobhutnahmen wurden dem Leiter des Kreisjugendamtes, Uwe Hacker, im Jahr 2010 gemeldet. „Traumata bei Kindern können aber auch durch Unfälle, schwere medizinische Eingriffe oder Verlust eines geliebten Menschen entstehen“, erklärt er. Damit sei das Jugendamt aber dann nicht befasst.
Die Kinder, die ein vorübergehendes Zuhause im Salberghaus finden, haben Eltern, die diese Rolle nicht ohne Hilfe ausfüllen können. Da ist etwa der Vierjährige, der bei seiner Ankunft in Putzbrunn nichts mit der Wurstsemmel anfangen konnte, die beim Frühstück vor ihm lag. Er hatte noch nie so etwas gesehen, seine Mutter hatte ihn immer noch nur mit Babymilch ernährt. Da ist die Dreijährige, die um19 Uhr von ihrer alleinerziehenden Mutter ins Bett gebracht und dann in der Wohnung alleine gelassen wurde. Das Mädchen stand auf und ging hinaus, wurde von der Polizei auf der Straße aufgelesen und nach Putzbrunn gebracht.
Da sind die Geschwister, deren Eltern sich heftig stritten, wobei der Vater der Mutter einen Wirbel brach. Die beiden Buben kamen ins Salberghaus. Da ist der drei Monate alte Junge, der schon im Alter von vier Wochen kam. Der Lebensgefährte seiner Mutter wollte das Kind nicht haben. Die Mutter lässt sich leider bis heute nicht blicken. Doch da ist auch das fünfjährige Mädchen, das im Jahr 2013 ganz zu seiner Mutter zurück ziehen wird. Mit eineinhalb Jahren zog sie ins Salberghaus, weil die Mutter unter Depressionen litt. Sie war jedoch kooperativ und ließ sich behandeln. Schon heute kommt sie oft zu Besuch und kümmert sich dabei eigenständig um ihre Tochter.
„50 bis 60 Prozent unserer Kinder gehen wieder zurück zu ihren Eltern“, sagt Wolfgang Pretzer, Leiter des Salberghauses. Das sei auch das oberste Ziel, weshalb man stark mit den Eltern zusammenarbeite. „Wenn ein Kind hier landet, soll es nicht zum Heimkind werden“, betont Pretzer. Pro Wohngruppe mit jeweils sieben Kindern gibt es sechs Erwachsene. „Das klingt erstmal sehr viel“, sagt Pretzer. Aber im Alltag erweise es sich oft als knapp,weil eine Pädagogin etwa gemeinsam mit einem Kind dessen Mutter in Gefängnis oder Psychiatrie besuche und dann in der Gruppe fehle.
Das Schlimmste, was die Kinder im Salberghaus erleben können, sagt Pretzer, sei „wenn Eltern nicht zu Besuch kommen“. Ihr schönstes Weihnachtsgeschenk dagegen ist Zeit mit Mama und Papa. Damit die Eltern trotz Überforderung und oft psychischer Krankheit alles geben, muss man ihnen helfen. Personal, das sich um sie kümmert, ist daher der dringlichste Wunsch des Salberghauses.